SILVIA IRINA ZIMMERMANN

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Heimweh ist Jugendweh
Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva)

Silvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva).

Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied.

[Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva - Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 335 S., 2016, ISBN: 978-3-8382-0814-5.

Details zur Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs

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Vorwort Carmen Sylvas zu ihren Erinnerungen:

"In einem seiner letzten Bücher sagt Rosegger, dass, wenn wir das fünfzigste Jahr überschreiten, unser Herz meistens ein großer Friedhof wird. Denn dann haben wir schon viel mehr Lieben unter der Erde als darüber. Für manche Menschen ist das in erhöhtem Maße der Fall, da sie von früher Jugend an über offenen Gräbern gestanden und ihre Teuersten haben von sich fortweilen sehen.

Nun möchte ich auf meinem Friedhofe umherwandeln, und eines der lieben Gräber nach dem andern aufdecken, und unter den Blumen, die mein Herz hineingestreut, die geliebten Züge erkennen und so beschreiben, dass sie den kommenden Menschen bekannt werden oder bleiben, wenn neue Generationen sie vielleicht vergessen hätten. Sie sollen den folgenden Menschen so lieb werden, beinahe so lieb wie mir selber, wenn es mir gelingen sollte, ihr Bild recht lebenswarm darzustellen.

Ich möchte meinen Penatenwinkel auftun, den ich so lange schon heilig gehalten, und andere in Andacht versetzen und erquicken durch meine Andacht. Andern sagen, wie schön, wie verehrungswürdig diese Menschen gewesen sind, und weshalb ich sie anbete, so lange ich atme. Ich sah keine Flecken an ihnen, sie waren meine irdischen Götter. Sie vertraten das Edelste auf Erden für mich, und sollen es, so Gott will, auch für andre tun, die nicht mehr das Glück gehabt haben, in ihre Augen zu blicken und von ihren Lippen heilige und liebe Worte zu hören.

Sie sollen noch einmal lebendig werden, unter dem Hauch meiner großen Liebe, und hineinlächeln in diese Welt voller Fehler und Gebrechen, über die sie nun schon längst erhaben sind, frei von Schlacken und Dunkelheiten. Ich werde sie so zeigen, wie sie mir erschienen sind und erscheinen konnten, je nach dem Lebensalter und in den Stimmungen, in denen ich mich selbst befand, je nach der zeitweiligen Fassungskraft meines eigenen Gemütes. Man kennt die Stunde nicht, in welcher man am deutlichsten zu einem andern Herzen geredet hat, man weiß nie, wo der Samen hingeflogen, den man ausgestreut; man hat vielleicht das Wesen kaum bemerkt, das von heiligen Lippen trank und für sein ganzes Leben die vernommenen Worte in seinem Herzen bewahrte. Kinder denken viel mehr und verstehen viel mehr, als man es glauben sollte. Man erinnere sich nur genau seiner eigenen Kindheit und der Dinge, die man erlebte, und man wird verstehen, wie tief und unauslöschlich für alle Zeit Kindheitseindrücke sind. Mir ist, als sollte ich in einem wundervollen Blumengarten die schönsten Blumen suchen und zu einem Strauße vereinigen, und da drängen sie sich in solchen Massen, mit so süßem Dufte, mit so unbeschreiblicher Herrlichkeit, dass ich nur zögernd die Hand ausstrecke, und fürchte, im Abbrechen etwas zu verderben, nicht genug Ehrfurcht vor Gottes herrlichem Werke zu haben, oder ein ungeschickter Darsteller zu sein.

Ungeschickt vielleicht, aber gewissenhaft. Nicht Wahrheit und Dichtung will ich hier schreiben, sondern kindlich lautere Wahrheit, nur was ich selbst gesehen und gehört. Ich will nicht Memoiren schreiben, denn Memoiren sind im besten Falle nur höherer Klatsch, wenn sie nicht ganz niederträchtiger Klatsch sind. Es werden hier keine Geheimnisse enthüllt, kein Skandal ans Licht gezogen, sondern in sanfter Andacht gehe ich mit geweihter Kerze in meinem Allerheiligsten umher und lasse das stille Licht auf teure Züge fallen, damit sie allen lebendig werden."

Carmen Sylva: "Mein Penatenwinkel" (1908).

 

© Silvia Irina Zimmermann