Über Vergebung – Carmen Sylva: „Seelengespräche“ (Andachten)

„Es scheint fast übermenschlich, zu verzeihen, was uns zu Bettlern gemacht, an Leib oder Seele. Unser erstes Gefühl ist Rache. Wir bedenken dann nicht, dass die Rache uns das Verlorene dennoch nicht zurückgibt und nichts in uns zurücklässt, als ein Gefühl der Reue und Zerknirschung, da wir uns den Tieren gleich gemacht.
Wie manches würde sein Gift verlieren und seinen Schmerz, wenn wir uns selbst ganz vergessen könnten und dem anderen vergeben!
Es gibt Dinge, die sich wirklich wieder ausmerzen ließen, wenn man nur ernstlich wollte, wenn man nicht Mauern zwischen sich aufrichtete und sein Herz gewaltsam verschlösse, indem die alte Liebe so gern wieder aufwachen möchte mit dem Sehnen nach Versöhnung und nach einem freundlichen Worte. Wie selten geschieht das Böse um des Bösen willen! Es geschieht aus Verblendung, aus Leidenschaft, aus Genusssucht, aus Selbstsucht, aus Schwäche. Und wenn wir uns und unser Leiden nicht beachten, so würden wir milde sein und ergründen, warum es geschehen, und Nachsicht haben für des Bruders Sünde. Wie vieles entschuldigen wir, wenn es uns nicht getroffen!
So entschuldige doch, was dich verletzt! Dann erst bist du des Christentums wert!“

Auszug aus Carmen Sylva: „Seelengespräche“, 9. Andacht: Vergebung.

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Carmen Sylva, Seelengespräche. Andachten der Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien (1843-1916). Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Silvia Irina Zimmermann, Edition Noema, Stuttgart: Ibidem-Verlag, 2020, 271 Seiten, ISBN: 978-3-8382-1418-4.