War Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva) republikanisch?

„Die republikanische Staatsform ist die einzig rationelle.“  – War Königin Elisabeth von Rumänien republikanisch?

Artikel von Silvia Irina Zimmermann*

Abb. Königin Elisabeth um 1914, alte Postkarte. Privatsammlung Silvia Irina Zimmermann

In neueren Biografien über Elisabeth von Rumänien, auch bekannt als Schriftstellerin Carmen Sylva, stoßen wir auf eine angebliche Äußerung der Königin, wonach sie sich für republikanisch erklärt hätte. Diese Äußerung wird als Beleg dafür verwendet, dass ihre liberale und republikanische Gesinnung sie freundschaftlich mit der österreichischen Kaiserin Elisabeth verbunden hätte, so auch in einer bekannten Biografie über Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, in der sie als „distanziertes Verhältnis … zur monarchischen Staatsform” gedeutet wird. In Wirklichkeit haben wir es hier aber nicht mit einer authentischen Äußerung Königin Elisabeths von Rumänien zu tun, sondern mit einem Romanzitat.

Die Autorin der Republikanismus-Äußerung, die fälschlicherweise Königin Elisabeth zugewiesen wird, ist eigentlich Mite Kremnitz, eine literarische Mitautorin Carmen Sylvas in den Jahren 1881 bis 1889, zu der die Königin den Kontakt abbrach, nachdem diese 1902 den Roman „Am Hofe von Ragusa“ in Deutschland veröffentlicht hatte, in dem sie Königin Elisabeth anhand der Figur der Fürstin im Roman karikierte. Der Textausschnitt aus dem Roman von Mite Kremnitz, der uns hier interessiert, ist Teil einer Gesprächsszene der Fürstin des Romans mit ihren Hofdamen:

„Die Fürstin entgegnete, daß auch sie mit den Sozialdemokraten sympathisieren müsse, besonders angesichts all der Nichtsthuerei und Verworfenheit der Vornehmen, und ‚diese Leutchen‘ wollten doch schließlich nur, was die Natur gäbe: Gleichheit. … Die republikanische Staatsform ist die einzig rationelle, ich begreife immer die thörichten Völker nicht, daß sie uns noch dulden‘, meinte die Fürstin.”

Der deutsche Biograf Eugen Wolbe ist der Erste, der dieses Romanzitat als eine authentische Aussage der Königin Elisabeth deklariert und in seiner Biografie „Carmen Sylva. Der Lebensweg einer einsamen Königin“ (1933) verwendet. Dabei ändert Wolbe das Zitat aus Kremnitz’ Roman leicht ab, und in seiner Formulierung finden wir diese sogenannte Republikanismuserklärung der Königin Elisabeth bei den späteren Biografen wieder.

Brigitte Hamann zitiert in ihrer Biografie über Elisabeth von Österreich-Ungarn, „Elisabeth. Kaiserin wider Willen“ (1981), die angebliche Republikanismusäußerung der rumänischen Königin aus der Biografie von Eugen Wolbe (1933) ungeachtet der Erklärung Wolbes, dass es sich hier um ein Zitat aus dem Roman von Mite Kremnitz handelt. Hamann nutzt das Zitat, um ihre Behauptung zu untermauern, die rumänische Königin habe viele Gemeinsamkeiten mit der österreichischen Kaiserin Elisabeth gehabt, darunter auch „ihr distanziertes Verhältnis zu weltlichen Würden und zur monarchistischen Staatsform.”

Die rumäniendeutsche Biografin Annemarie Podlipny-Hehn übernimmt in ihrer Biografie „Carmen Sylva“ (2001) das Wolbe-Zitat aus der Biografie Hamanns und behauptet, es stamme aus dem Tagebuch der Königin Elisabeth. Als Zitatquelle gibt sie die Biografie Hamanns (2. Ausgabe von 1982) an, ohne aber weiter auf die Zitatquelle Wolbes (1933) einzugehen, auf die Hamann verweist. Podlipny-Hehn deutet die Äußerung Carmen Sylvas als eine „liberale Einstellung“ und „republikanische Gesinnung“ der Königin, fügt aber hinzu, dass, im Gegensatz zur Kaiserin Österreichs, Rumäniens Königin an der Seite ihres Gemahls gestanden und ihn unterstützt habe, und dass Carmen Sylva „trotz ihrer Schwärmereien mit den Füßen auf dem Boden blieb“.

Der rumänische Biograf Gabriel Badea-Păun zitiert in seiner Carmen-Sylva-Biografie „Carmen Sylva. Königin Elisabeth von Rumänien“ (2011) dieselbe Stelle aus Wolbes Biografie (1933), ohne sie als Romanzitat zu benennen, und erklärt ähnlich wie Hamann, die rumänische Königin sei wie die österreichische Kaiserin Elisabeth, „tief im Innern … republikanisch gesinnt“ gewesen. Weiter vermutet Badea-Păun, die Königin habe in Rumänien eine soziale Revolution erwartet, und ihre Äußerung zum Republikanismus könnte man auch als „eine gut platzierte Stichelei gegen die rumänische politische Klasse verstehen, die sie nicht liebte”.

Eugen Wolbe erklärt zwar in seiner Carmen-Sylva-Biografie, dass er hier aus dem Roman von „Am Hofe von Ragusa“ zitiert, fügt aber hinzu: „Unzweifelhaft hat sich Mite Kremnitz Äußerungen der Königin im Tagebuch notiert. “

Schaut man sich nun die Carmen-Sylva-Biografie von Mite Kremnitz an, die im Jahr 1903 (und nur ein Jahr nach dem Roman „Am Hofe von Ragusa) erschienen ist, so wird diese angebliche Republikanismusäußerung nirgendwo zitiert, obwohl zahlreiche Ausschnitte aus den Briefen der Königin, die sie an Mite Kremnitz geschrieben hatte, zu finden sind, und diese Äußerung, wäre sie wahr, besonders in der Biografie relevant gewesen wäre. Somit gibt es keinen Beweis für die Authentizität dieser Äußerung der Königin zum Republikanismus, und so lange bleibt sie ein aus dem Kontext des Romans von Mite Kremnitz gerissenes Zitat.

Die Biografen haben Recht, was die liberale Gesinnung Königin Elisabeths von Rumänien betrifft. Doch hinsichtlich der Authentizität der republikanischen Erklärung der Königin scheint es, dass deren wahre Autorin, Mite Kremnitz, mehrere Biografen in die Irre geführt hat, denn das Zitat erscheint, wie bereits erwähnt, nur in ihrem Roman, nicht aber in ihrer Biografie der Königin.

Kremnitz zeichnet in ihrem Roman „Am Hofe von Ragusa“ das Porträt einer Fürstin, die stellenweise gewisse Ähnlichkeiten mit der realen Königin Elisabeth von Rumänien aufweist. Kremnitz übertreibt einige negative Charakterzüge und fügt einige Phantasieaspekte hinzu mit dem Ziel, die Königin mittels der Romanfigur zu karikieren. Einem nichteingeweihten Leser vermittelt der Roman von Mite Kremnitz den Eindruck, hier würden interne Kenntnisse über den Königshof Rumäniens sowie authentische Äußerungen der Königin preisgegeben aufgrund der Tatsache, dass Kremnitz mehrere Jahre ein enges Verhältnis zum Königspaar hatte und Mitarbeiterin Carmen Sylvas gewesen war.

Königin Elisabeth von Rumänien fühlte sich von Kremnitz’ Roman angegriffen und beklagte sich über die für sie unangenehme Situation, die das Erscheinen des Romans in Deutschland verursacht habe, in einem Brief aus Sinaia an Karl Xaver von Scharfenberg am 24. April 1903:

„Ich weiß nicht, ob Sie jemals den schrecklichen Roman von Frau Kremnitz gesehen haben: ‚der Hof von Ragusa‘ – es hat genug Ähnlichkeiten, um den Rest wahrscheinlich und glaubhaft zu machen. Es ist ‚schlimmer‘ als alles andere, das man gegen mich getan hat, weil man es eher glaubt.“

Die Relevanz der Republikanismusäußerung im Roman gewinnt auch eine weitere Dimension, wenn man bedenkt, dass Mite Kremnitz, obwohl sie mit dem Roman eine Satire auf den Königshof von Rumänien bietet, gleichzeitig als eine wichtige Biografin des ersten Königspaares Rumäniens gilt. Von Kremnitz stammt eine Biografie des Königs in vier Bänden (1894–1900): „Aus dem Leben König Karls von Rumänien. Aufzeichnungen eines Augenzeugen“. Diese erscheint zuerst ohne den Namen der Autorin, sodass Mite Kremnitz 1903 eine verkürzte Ausgabe mit ihrem Namen veröffentlicht: „König Karl von Rumänien. Ein Lebensbild“. Und im selben Jahr, 1903, veröffentlicht Kremnitz eine bis heute sehr bekannte und vielzitierte Biografie der Königin Elisabeth von Rumänien: „Carmen Sylva“.

Was den Carmen-Sylva-Biografen Wolbe betrifft, der als erster das Romanzitat von Mite Kremnitz zum Republikanismus verwendet, so stellt sich die Frage, wie er dieses interpretiert. Das Zitat aus dem Roman von Kremnitz setzt Wolbe ein, um die „demokratische“ Gesinnung der Königin Elisabeth zu beweisen. Und weiter zitiert Wolbe den Schlusssatz aus dem Essay der Königin „Warum braucht man Könige?“

– „Man braucht wohl Könige, denn man kommt immer wieder darauf zurück, und selbst die Präsidenten der Republiken werden mehr und mehr dazu, eben weil das Bedürfnis nach einem verantwortlichen Führer vorhanden ist.“ –,

um zu verdeutlichen, dass Königin Elisabeth zu gleicher Zeit auch die monarchische Idee vertritt. Wolbes Fazit ist, dass für Königin Elisabeth die liberale Gesinnung und die hohe soziale Position keinen Widerspruch in sich darstellen, sondern dass sie etwas Selbstverständliches und miteinander zu Vereinbarendes für die Königin sind:

„Diese königliche Dichterin empfindet durchaus demokratisch und aristokratisch zugleich.“

Erwähnenswert ist hier vor allem das Buch der österreichischen Historikerin Lisa Fischer „Schattenwürfe in die Zukunft: Kaiserin Elisabeth und die Frauen ihrer Zeit“ (1998), in dem die Republikanismusäußerung Carmen Sylvas aus Kremnitz’ Roman mit korrekter Quellenangabe zitiert wird, und in welchem der Dualismus ihrer Haltung im Sinne Wolbes wie folgt erklärt wird:

„Ganz im Sinne Nietzsches, den sie [Carmen Sylva] gelesen hatte, war sie ebenso von einer wertvollen Führerschaft der Herrschenden zur Höherentwicklung des Menschengeschlechtes überzeugt wie von der republikanischen Staatsform. “

Was in den Schriften der Königin Elisabeth oftmals auffällt, ist tatsächlich dieser Kontrast zwischen liberalem Denken und sozialer Stellung. Dies vor allem, wenn man ihre Texte, die sie durch die Veröffentlichung einem breiteren Leserkreis widmete, mit denen vergleicht, die Privatcharakter hatten, beispielsweise die Briefe, die größtenteils unveröffentlicht blieben und die die Königin nicht für eine spätere Veröffentlichung vorgesehen hatte. In ihren schriftlichen Äußerungen finden sich viele Sympathie- und Empathiebekundungen für die prekären Lebenssituationen einzelner Gesellschaftsschichten, die den Eindruck der Sympathiebezeugung mit dem republikanischen System erwecken. Dennoch gibt es genauso viele Textbeispiele, die zeigen, dass sie sich ihres Standes und ihrer sozialen Position weiterhin bewusst bleibt und an ihrer Auffassung von Tradition, Weltordnung, persönlicher Verbundenheit zu ihrer adligen Herkunft sowie ihrer Pflicht als Königin festhält.

Auf die Frage zurückkehrend, ob Königin Elisabeth republikanisch war, so ist dies anhand ihrer Schriften nicht zu bestätigen. Dagegen kann man beweisen, dass sie liberal dachte und offen für soziale Reformen war. Und sie hatte ein Gespür für die Herausforderungen der sich verändernden Zeiten, so wie dies ein weiteres Zitat aus ihrem Essay „Warum braucht man Könige?“ (1910) offenbart:

„Die Zeiten sind vorüber, wo eine Klasse es wagen durfte, auf die andere herabzusehen, als wäre sie geringer. Die Fürsten sagen nicht mehr Er zu ihren Untertanen, die Untertanen erwarten aber auch nicht mehr, daß alles Gute aus der Hand des Fürsten träufeln soll.“

 

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* Beitrag erschienen in: Deutsch-Rumänische Hefte, Nr. 2, 2015, hrsg. von der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft e. V., Berlin, Redakteur Dr. Josef Sallanz, S. 18-20.

Der Artikel ist eine Version des Kapitels Über den Herrscher in republikanischen Zeiten“ aus dem Buch: Silvia Irina Zimmermann: „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal: Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“ (Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 1, Stuttgart, ibidem-Verlag, 2014, S. 89-104), dort mit weiteren Erläuterungen und bibliografischen Angaben in den Fußnoten versehen und der Wiedergabe des vollständigen Essays der Königin Elisabeth (Carmen Sylva): Warum braucht man Könige?“, ebd., S. 95-104.

Dr. Silvia Irina Zimmermann ist freie Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs in Neuwied (www.carmensylva-fwa.de). 2014 erschien von der Autorin im Stuttgarter ibidem-Verlag die Monografie „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal: Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“.

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Prinzessin Elisabeth zu Wied, die spätere Königin Elisabeth von Rumänien, wurde am 29. Dezember 1843 in Neuwied geboren; sie verstarb am 2. März 1916 in Bukarest. 1869 heiratete Elisabeth Prinz Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, der 1866 zum Fürsten Carol I. von Rumänien gewählt worden war. Das Paar hatte nur eine Tochter, die bereits Kindesalter verstarb. 1878 wurde Rumänien ein unabhängiger Staat und 1881 zum Königreich erhoben, mit Carol I. und Elisabeth als erster Königspaar von Rumänien. Königin Elisabeth veröffentlichte ab 1880 unter dem Pseudonym Carmen Sylva Gedichte, Erzählungen, Kinderbücher, Romane, Theaterspiele, Essays und Aphorismen und übersetzte rumänische Dichtungen ins Deutsche.